Der Flipped Classroom in Deutschland

Dies ist ein Gastbeitrag von Felix Fähnrich und Carsten Thein. Sie sind Lehrer für die Fächer Mathematik, Physik und NWT am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium (WHG) in Durmersheim und befassen sich intensiv mit dem Konzept des Flipped Classrooms. Der Artikel wurde ursprünglich für ein internationales Publikum geschrieben und wurde zuerst auf Englisch veröffentlicht. 

Der Flipped Classroom in Deutschland

Das Konzept „Flipped Classroom“ bzw. „Inverted Classroom“ hat in den letzten Jahren im englischsprachigen Raum im gesamten Bildungssektor Bekanntheit erlangt. In Deutschland arbeiten einige Universitäten mit diesem Konzept, allerdings ist es im schulischen Bereich noch weitgehend unbekannt. Unser Projekt www.fliptheclassroom.de versucht dieses Konzept im schulischen Bereich zu etablieren und ein Fundament für Diskussionen zur Mathematik-Pädagogik in der Bundesrepublik Deutschland zu schaffen.>

Quelle: fliptheclassroom.de

Das Bildungssystem in Deutschland

Im Folgenden gehen wir kurz auf das Bildungssystem in Deutschland, vorallem im Bereich der weiterführenden Schulen ein. Um die allgemeine Hochschulreife zu erlangen und somit an einer Universität studieren zu können, benötigt man in Deutschland das Abitur. Dieses erlangt man nach acht- bzw. neunjährigen Besuch eines Gymnasiums. Wir erproben des Konzept in den letzten zwei Jahren des Gymnasiums im Fach Mathematik und führen die Schüler damit zur Abschlussprüfung.

In den Jahren nach der ersten PISA – Studie und den damit einhergehenden verherrenden Ergebnissen im internationalen Vergleich hat sich an Aufbau und Methoden des Unterrichts in Deutschland und im Speziellen am Gymnasium vieles geändert. Von einer ursprünglich sehr lehrerzentrierten Unterrichtsform ist man abgerückt und hat den Unterricht dahingehend neu ausgerichtet, dass die Schülerinnen und Schüler zu möglichst weiten Teilen den Lernprozess selbst aktiv gestalten. Erfahrungsgemäß geht diese Neuausrichtung damit einher, dass es durchaus schwieriger ist die geforderte Stoffmenge im selben Zeitrahmen wie in Zeiten des klassischen lehrerzentrierten Unterrichts zu bewältigen. An dieser Stelle setzen wir mit unserer Umsetzung des „Flipped Classroom“ Konzepts an. Unser Hauptziel ist dabei Zeit im Unterricht zu gewinnen, die auf vielfältige Weise für schüleraktivierenden Unterricht genutzt werden kann.

Das Grundkonzept

Die Lernenden eignen sich zuhause in ihrem eigenen Tempo die theoretischen Grundlagen mit von uns erstellten Erklärvideos an. Anschließend wird im Unterricht mit verschiedenen Methoden und Aufgabenstellungen geübt. Wir streben dabei an, jeden individuell und damit differenziert zu fördern. Der Lernende soll aus der passiven in eine aktive Rolle versetzt werden und bekommt damit die Möglichkeit selbst Verantwortung für seinen Lernprozess zu übernehmen.

Die Videos

Die von uns verwendeten Videos sind mit Hilfe der Software „Camtasia: mac“ von TechSmith aufgenommen, ausnahmslos selbst produziert und auf das an unserer Schule verwendete Lehrwerk (Lambacher Schweizer Mathematik Kursstufe Baden-Württemberg) abgestimmt. Wir können damit wesentlich gezielter auf die für unsere Schüler relevanten Inhalte eingehen, als dies mit fremdproduzierten Lernvideos möglich wäre. Auch die Tatsache, dass wir als eigene Kurslehrer der Schülerinnen und Schüler auftreten, steigert ihre Motivation und Bereitschaft, die Videos zu bearbeiten.

Bearbeiten heißt in diesem Fall die Videos anzusehen, die darin gestellten Arbeitsaufträge zu erfüllen und als Endprodukt einen Heftaufschrieb anzufertigen. Durch eine einheitliche Struktur der Videos in „Einführung“, „Allgemein“ und „Aufgaben“ ist eine klare, in sich konsistente Struktur der Inhalte gewährleistet.

Vorteilhaft ist, dass sich die Lernenden diese Videos jederzeit – auch mehrmals – anschauen, pausieren bzw. an gewünschte Stellen springen können. Verpasst ein Schüler einmal den eigentlichen Unterricht, so kann er die Erarbeitungsphasen trotzdem nachvollziehen und die Übungen zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.

Die Homepage

Auf unserer Homepage www.fliptheclassroom.de finden die Schülerinnen und Schüler sowohl die aktuellen Videos, als auch ein Archiv mit allen bisher produzierten Aufnahmen. Unter jedem Video bietet sich die Möglichkeit mit Hilfe der „Kommentarfunktion“ Fragen zu einzelnen Abschnitten des Videos zu stellen. Ziel ist es, dass möglichst viele dieser Fragen bereits vor dem Unterricht durch die betreuenden Lehrer bzw. im Idealfall durch Mitschüler beantwortet werden können.

Der Unterricht

Zu Beginn des Unterrichts wird in einem kurzen Unterrichtsgespräch zwischen Lehrer und Klasse der Inhalt des vorangegangenen Videos an einigen kurzen Beispielen wiederholt. Diese Phase dient dem Lehrer zur Überprüfung des Lernfortschritts im Rahmen der Hausaufgabe und deckt auf an welchen konkreten Problemen in den anschließenden Phasen detaillierter gearbeitet werden muss.

Die anschließenden Phasen unterscheiden sich je nach Anforderung des aktuellen Themas:

1. Übung neuer InhalteDie Schülerinnen und Schüler bearbeiten selbstständig oder in kleinen Gruppen Übungsaufgaben. Diese sind differenziert in die Kategorie leicht, mittel und schwer, so dass jeder Schüler seinem eigenen Lernstand entsprechende Aufgaben bearbeiten kann. Die Lösungen liegen dabei zum selbständigen Kontrollieren aus, der betreuende Lehrer begleitet die Schüler bei ihrem Lernfortschritt und gibt individuelle Hilfestellung.

2. Anwendung erlernter Inhalte
Umfangreichere Aufgaben und Problemstellungen die normalerweise im Unterrichtsgespräch gelöst werden und die für den Großteil der Schüler in einer selbstständigen Erarbeitung zu schwierig erscheinen, werden bei uns mit der Methode des „Aktiven Plenums“ bearbeitet. Dabei zieht sich der Lehrer aus der aktiven Rolle zurück und überlässt Moderation und Dokumentation des Unterrichtsgesprächs zwei SchülerInnen. Der Lehrer greift nur ein um dem Moderator bei seiner Fragestellung zu unterstützen oder um – nach angemessener Zeit – den Schülern bei falschen Lösungswegen und Sackgassen zu helfen.

Der Lehrer steht dabei im Hintergrund. Er sorgt für Ruhe und beobachtet die Schüler. Er greift ein um den Moderator bei seiner Fragestellung zu unterstützen oder um den Schüler/in zu helfen, wenn sie zu lange einen falschen Lösungsweg einschlagen.

Fazit:

An unserer Schule gibt es insgesamt fünf parallele Mathematikkurse. Drei werden traditionell unterrichtet und unsere beiden nach dem Konzept des „Flipped Classroom“. Das erste der zwei Abschlussjahre ist abgeschlossen und es hat sich gezeigt, dass die Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus den „Flipped Classroom“ Kursen mit denen der Schülerinnen und Schüler aus den anderen Kursen vergleichbar sind. Außerdem wurde im Rahmen einer Evaluation während des ersten Kursjahres die Meinung der Schülerinnen und Schüler eingeholt. Es hat sich gezeigt, dass ausnahmslos alle das Konzept für sinnvoll erachten und eine Weiterführung des Konzepts im kommenden Schuljahres befürworten.

Über die Autoren:

Felix Fähnrich und Carsten Thein sind Lehrer für die Fächer Mathematik, Physik und NWT am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium (WHG) in Durmersheim.

Sie möchten den Schülerinnen und Schülern einen modernen und motivierenden Zugang zum Fach Mathematik ermöglichen. Dabei legen sie als Lehrer viel Wert auf einen Unterricht, bei dem die SchülerInnen selbständig und selbstorganisiert arbeiten. Ihnen ist es wichtig, dass die SchülerInnen genug Zeit zum Üben haben und sich auch an schwierigen Aufgaben versuchen.

Auf ihrer Webseite www.fliptheclassroom.de befinden sich viele weitere Videos und Informationen. Sie freuen sich auch über jedes Feedback und jede Kontaktaufnahme.